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Geburtsreise im Herbst

Eine wunderschöne Geburtsreise in einer Herbstnacht. Eine Kursteilnehmerin von mir wird zum zweiten Mal Mutter und bringt ihr Kind selbstbestimmt in einem anthroposophischen Kreißsaal auf die Welt.

 

 

In der Nacht von Montag auf Dienstag bin ich kurz nach Mitternacht das erste Mal wach. So richtig weiß ich nicht warum, also suche ich mir eine neue „bequeme“ Position und schlafe wohl auch ziemlich schnell wieder ein. Kurze Zeit später bin ich wieder wach. Ich gucke auf mein Handy und lese 00:10 Uhr. Erwartet mich wieder eine schlaflose Nacht? Ich hoffe nicht, drehe mich irgendwie wieder um und versuche weiterzuschlafen.

Wieder werde ich wach, diesmal weiß ich auch warum. Ich habe eine Welle. Nichts besonderes in der 40+5 SSW und weil die Welle nicht besonders intensiv ist, schenke ich ihr auch wenig Beachtung. Vielleicht gehe ich einmal schnell zum Klo, dann kann ich vielleicht wieder besser einschlafen. Auf der Toilette kommt die nächste Welle. Huch, die war schon deutlicher zu spüren. Im Badezimmer überlege ich ob heute Nacht vielleicht die Geburt losgeht. Auf dem Toilettenpapier ist etwas rosa-blutiger Schleim. Jackpot, das gehört sich so. Das kenne ich noch von meiner ersten Geburt. Wieder zurück im Bett tut sich erstmal nichts mehr. Typisch, so geht es schon seit Tagen. Einschlafversuch Nr. 3. Bevor ich einschlafe kommt doch wieder eine Welle. Intensiv, kraftvoll und beim 2. Kind sollte man wissen wie sich Geburtswellen anfühlen. Das war eine, definitiv. Ich schaue wieder auf mein Handy und lese 00:22 Uhr. Ich liege im Bett und warte gespannt auf die nächste Welle, voller Hoffnung, dass es heute Nacht losgeht. Die nächste Welle kommt, ist definitiv eine von der starken Sorte, ich schaue auf mein Handy und lese 00:27 Uhr. Ok, das sind kurze Abstände. Ich wecke meinen Mann, der neben mir schläft und sage ganz aufgeregt, dass es losgeht. Er ist sofort hellwach und fragt ob ich Wellen habe. Ich erzähle ihm kurz was seit Mitternacht so passiert ist und gemeinsam warten wir die nächste Welle ab.

00:32 Uhr, die nächste Welle rollt heran. Wir freuen uns und ich bin mir sicher, unser zweiter Sohn wird bald geboren. Als die nächste Welle wieder nach 5 Minuten kommt, ruft mein Mann bei meinen Eltern an, denn es war ausgemacht, dass die Oma als Babysitter zu uns kommt. Ungefähr 2 Wellen später steht meine Mama, noch im Schlafanzug, bei uns im Wohnzimmer. Sie ist ganz aufgeregt und fragt ob ich Wehen hätte. Ich muss die Frage nicht beantworten, denn die nächste Welle kommt bereits und ich muss mich auf der Rückenlehne vom Sofa abstützen. Keine Frage, ich habe Wellen und muss diese bereits mit der Wellenatmung veratmen. Es tut gut sich während der Welle komplett auf die Atmung zu konzentrieren. Ich zähle mit den Atemzügen mit und komme gut zurecht. Mein Mann und ich gehen beide nochmal schnell unter die Dusche und ziehen uns bequeme Anziehsachen für den Kreißsaal an.

Es ist 01:35 Uhr als wir uns auf den Weg in die Klinik machen. Der Weg ist etwas länger und ich werde etwas nervös, als im Auto die Wellen schon alle 4 Minuten kommen. Ich habe mir die Regenbogenentspannung angemacht und höre sie über Kopfhörer, während mein Mann fährt. Ich kann mich sehr gut entspannen und atme ruhig und gleichmäßig. Zählen muss ich nicht, ich lasse meinen Atem einfach fließen.

Um 02:20 Uhr, ungefähr, werden wir im Kreißsaal aufgenommen. Die Hebamme im Nachtdienst ist mir auf Anhieb sympathisch, ich bin etwas nervös und aufgeregt. Auf die Frage was uns in den Kreißsaal führt antworte ich: „Ich habe seit Mitternacht regelmäßige Wellen und habe blutigen Schleim am Klopapier. Ich glaube, ich komme zur Geburt.“ Die Hebamme lacht und sagt: „Das glaube ich auch.“ Wir gehen direkt in den Kreißsaal und ich freue mich, denn es ist der gleiche Kreißsaal wie bei meinem ersten Kind und ich fühle mich direkt wohl. Die Hebamme schließt mich an das CTG Gerät an und holt erstmal meine Unterlagen. Ich bewege mich intuitiv durch den Kreißsaal und halte mich während der nächsten Wellen an einem Tuch fest, das von der Decke baumelt. Zwischen den Wellen erzählen mein Mann und ich uns ganz viel von der ersten Geburt: „Weißt du noch…und dann…Ach und so und so…“ Es ist wunderschön in alten Erinnerungen zu schwelgen und der bekannte Kreißsaal macht es mir sehr leicht mich wohl zu fühlen. Das Licht ist gedimmt und der Raum in ein rot-orangefarbenes Licht getaucht.

Nach ein paar Minuten und ein paar Wellen kommt die Hebamme wieder rein und schaut sich den CTG Streifen an. „Das sieht doch sehr schön aus, Frau H. Ich würde gerne einmal nach dem Muttermund tasten, beim 2.Kind und ihren tollen Wehen könnte sich da schon etwas tun.“ Ich lege mich nach der nächsten Welle auf das Bett und die Hebamme untersucht mich. Innerlich bete ich darum zumindest die ersten 3cm schon geschafft zu haben, die dauerten bei meinem ersten Kind nämlich gefühlt eine Ewigkeit, wenn auch in Echtzeit „nur“ 4 Stunden. Die Untersuchung geht schnell und die Hebamme lächelt mich an: „Frau H., was glauben sie denn? Was sagt ihnen ihr Bauchgefühl?“ Im Ernst? Fragt mich die Hebamme gerade was ich glaube, wie weit mein Muttermund schon auf ist? Ich bin mir unsicher und schaue zu meinem Mann. Mein Mann lächelt mich entspannt an und sagt nichts. Toll, was soll ich jetzt sagen? „Ich weiß es nicht, ich hoffe nur irgendwas über 3cm.“ „Etwas mehr haben Sie schon geschafft, der Muttermund ist jetzt ungefähr 6cm geöffnet.“, sagt die Hebamme und hilft mir wieder aufzustehen „Das CTG können wir jetzt weglassen, wenn sie möchten.“. Ich freue mich und bin sogar etwas stolz auf meinen Körper. Mit 6cm hätte ich nicht gerechnet und alles passierte irgendwie so selbstverständlich und nebenbei. Die Hebamme fragt ob sie noch etwas für uns tun könnte und gibt uns auf meine Bitte hin einen Pezziball und eine weiche Matte für den Boden. Nachdem mein erstes Kind auf dem Bett in Rückenlage geboren wurde, wollte ich dieses Mal ein bisschen mehr außerhalb des Bettes versuchen. Im Hypno Birthing Kurs habe ich ja mehr als einmal gehört, dass Geburt nicht im Bett stattfinden muss und ohne CTG Kabel kann ich mich super bewegen.

Die Hebamme lässt uns alleine und mein Mann und ich fragen uns, wann unser Kind wohl auf die Welt kommt. Wir schließen Wetten ab, mein Mann sagt vor 6 Uhr morgens, ich wette nach 6 Uhr. Im Moment ist es 02:57 Uhr. Wird mein Kind wirklich so schnell schon bei uns sein? Ich glaube schon und veratme weiterhin jede Welle mit der Wellenatmung. Sobald die Welle kommt schließe ich instinktiv die Augen und atme nur noch. Mein Mann fragt mich ob er mich massieren soll und so setze ich mich auf den Pezziball und er sitzt hinter mir auf einem Stuhl. Ich genieße die Light Touch Massage und spüre, wie gut mir die Berührungen tun. Nach jeder Welle, während denen ich mich hinstellen muss, küsst mich mein Mann und sagt mir wie toll ich das ganze mache. Ich kann mich gut entspannen und merke gar nicht, dass die Wellen mittlerweile alle 3 Minuten kommen.

Ab ca. 03:20 Uhr wird es ungemütlicher während der Wellen. Ich kann nicht mehr richtig mit den Wellen atmen und auch das Hinstellen während der Welle fühlt sich nicht mehr richtig an. Ich laufe im Kreißsaal auf und ab, setze mich hin, kreise mit den Hüften, alles ist irgendwie doof. Ich werde lauter während der Wellen und muss jetzt jede Welle mit lauten „Ahhhhh“´s begleiten. Zählen ist jetzt nicht mehr möglich, ich werde irgendwie unruhig und weiss nicht wie ich weitermachen soll. Die Entspannung ist vollkommen weg und ich spüre wie aus den intensiven Wellen, mit denen ich gut mitkam, heftige schmerzhafte Wellen werden. Mein Mann merkt, dass ich nicht mehr klarkomme und gibt mir mein Handy mit der Regenbogenentspannung. Ach ja, die hatte ich völlig vergessen. Also Kopfhörer rein und runterkommen. Das ist leichter gesagt als getan. Ich kann keine bequeme Position finden und lege irgendwann meinen Oberkörper auf den Schoß meines Mannes, der mit mir gemeinsam auf dem Boden sitzt. Er massiert mich, während ich entspanne und trotzdem bei jeder Welle lauter werde. Also doch keine ruhige, leise Geburt wie in meinem lieblings Geburtsvideo. Aber das ist mir in dem Moment völlig egal, ich muss laut sein und habe das Gefühl es hilft mir die Wellen mit lautem tönen zu begleiten.

Ich bemerke gar nicht, dass die Hebamme in der Zwischenzeit reinkommt. Mit der Regenbogenentspannung bin ich völlig in meiner Welt und genieße weiterhin die Massage und jede Wellenpause. Im Nachhinein erfahre ich, dass die Hebamme sich leise mit meinem Mann unterhalten hat und gefragt hat, was ich da über die Kopfhörer höre. Mein Mann erzählte ihr dann von der Regenbogenentspannung und dem Hypno Birthing Kurs. Die Hebamme lies das ganze wohl unkommentiert. Als ich die Hebamme bemerke, bereitet diese gerade wieder das Bett mit einer Unterlage vor und bittet mich darum, nochmal nach dem Muttermund tasten zu dürfen. Ich sage ihr, dass ich gar nicht mehr weiss wohin mit mir und dass die Wellen jetzt richtig heftig sind. „Das klingt für mich sehr gut.“, sagt die Hebamme und möchte mir beim Ausziehen der Hose helfen, als die nächste Welle kommt. Ich halte mich sofort bei meinem Mann fest und muss mich auf die Zehenspitzen stellen. Ich mache ganz merkwürdige Geräusche und habe das Gefühl mich jetzt nicht auf das Bett legen zu können. „Halten Sie sich bei ihrem Mann fest, ich ziehe ihnen die Hose im Stehen aus.“ Schnell macht die Hebamme mich unten rum frei und ich bin völlig überwältigt von der nächsten Welle. Die Hebamme wartet ab und sagt mir ich solle genauso weitermachen, mein Mann erzählt mir auch irgendwas, aber ich kann mich auf gar nichts mehr konzentrieren. Ich habe das Gefühl während der Welle wie ein Hirsch zu röhren und meine Beine zittern. Die Hebamme legt ein paar Unterlagen direkt auf die Matte unter mich und tastet nach meinem Muttermund. „So, Frau H., das geht jetzt schnell. Ihr Kind ist gleich da.“ Ich bin völlig perplex und weiss gar nicht was passiert. „Wie viele cm habe ich denn schon geschafft?“ Meine Frage wird ignoriert, die Hebamme telefoniert mit der Ärztin, mein Mann sagt pausenlos wie toll ich das mache. Aber ich bin irgendwie verloren. Ich habe keine Ahnung was passiert.

Die nächste Welle, ich mache den Hirsch und kralle mich wie verrückt in den Rücken meines Mannes. Als die Tür aufgeht und eine Frau reinkommt, die sich später als Ärztin vorstellt, macht es platsch und die Unterlagen auf dem Boden sind sofort nass. Fruchtwasser läuft mir die Beine runter. Ach ja, das passiert ja auch. Die Hebamme und Ärztin machen alles wieder sauber und trocken. Ich muss bei der nächsten Welle in den Vierfüßlerstand gehen, warum weiß ich nicht, ich habe das Gefühl wie ein Roboter zu agieren. Die Wellen sind unglaublich kraftvoll, aber nicht schmerzhaft. Sie fühlen sich ganz anders an als vorher. Ich überlege noch, ob ich die Unterhose wieder anziehen soll, als die nächste Welle kommt und ich das Gefühl habe mein Kind kommt aus dem falschen Loch. Am liebsten würde ich jetzt nochmal aufs Klo gehen, aber von meiner ersten Geburt weiß ich noch, was jetzt kommt. Ich habe das Gefühl mein Körper würde sich von innen nach außen umkrempeln, mit einer solchen Kraft schiebt mein Körper jetzt meinen Sohn raus. Die Hand der Hebamme spüre ich an meinem Damm und ich schiebe mit jeder Welle ein bisschen mit. Zwischen zwei Wellen fasse ich zwischen meine Beine, ich hoffe schon das Köpfchen von meinem Sohn zu spüren. Tatsächlich kann ich den Kopf meines Kindes anfassen und bin unglaublich stolz auf meinen Körper und mein Kind, auf das, was hier gerade Unglaubliches passiert. Die Hebamme sagt mir, ich soll schonmal mein T-Shirt ausziehen, dann könnte ich mein Kind gleich direkt auf meinen Oberkörper legen.

Ich weiß nicht wie lange die letzten Wellen insgesamt gedauert haben. Aber nachdem ich das Köpfchen angefasst habe geht gefühlt alles total schnell und dann ist auch schon der Kopf geboren. Ich sage zu meinem Mann, dass das Köpfchen da ist und warte sehnsüchtig auf die nächste Welle. Noch zwei Mal schiebe ich mit, dann liegt plötzlich ein nasses, lila-blaues Menschlein zwischen meinen Beinen. Die Hebamme sagt mir, dass ich meinen Sohn ruhig hochnehmen kann. Wie in Watte und völlig neben mir, nehme ich meinen Sohn auf meine Brust und schaue ihn an. Mein Mann küsst mich und ihm laufen Tränen über die Wangen. Ich knie auf dem Boden und halte meinen Sohn, der unglaublich weich und warm ist. Es ist 03:51 Uhr.

Eine unglaubliche Reise, schnell und kraftvoll, sanft und schmerzhaft, alles zugleich und vor allem wunderschön.

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